Den Weg nach Arendel lasse ich überraschend schnell hinter mir. Das Tor aus Holz ist breit offen, hinter Bäumen steht eine riesige Scheune. Das ist die Mitte des Dorfes. Erst nach einer Weile sehe ich norwegische Häuser und Schilder mit Straßennamen, gleich nebenan die Besitzer: Agata und Olek. Der norwegische Stil fängt an, mich zu fesseln…

– Wie lange habt ihr in Norwegen gelebt bevor ihr Arendel erschaffen habt? – ich frage durch die Überzeugung, dass die Faszination für Skandinavien nur durch frühere Auswanderung entstehen konnte.
– In der Tat waren wir zwei Mal in Norwegen, aber rein touristisch. Wir sind nicht ausgewandert. Am Anfang hatten wir andere Pläne – verrät Agata.
– Was stand auf dem Weg? – frage ich nach.
– Norwegen hat uns durch Offenheit, Schlichtheit und den Lebensstil, der aus der Natur schöpft, begeistert. Wir fanden, dass wir unbedingt so leben wollen wie Norweger, aber nicht in einer Großstadt, sondern in einem Haus am Wald. Wir haben gewusst, dass es nicht schnell möglich sein wird. Zuerst müssten wir lange eben in einer Großstadt wohnen und schuften, um genug Geld zu verdienen und sparen, weil die Immobilienpreise in Norwegen sehr hoch sind. Die Träume über ein norwegisches Dorf und über ein Leben in der skandinavischen Natur waren für uns fast unerreichbar.
Agata und Olek geben zu, dass sie sich daran nicht erinnern können, wann die Idee kam, ein norwegisches Dorf in Polen zu gründen. Die beiden haben in Posen studiert (Agata Linguistik und Olek Management), aber der Gedanke an Norwegen gab ihnen keine Ruhe mehr.

Die Entscheidung
– Das war eine gut durchdachte Entscheidung – sagt Olek. – Wir haben unser Vorhaben sehr ernst genommen, das sollte schließlich unser Platz zum Leben sein. Wir haben lange nach einem geeigneten Ort gesucht, schließlich den Ort Włodzimirów bei Zagórów gefunden. Der Ort ist sehr gut von den größeren Städten, wie Słupca, Kalisz, Września oder Posen erreichbar. Eigentlich ist er aus ganz Polen her gut erreichbar, weil er in der Mitte des Landes liegt.
Das Einzige, was wir nach Arendel aus Norwegen nicht mitnehmen konnten, war das skandinavische Klima und die Landschaften. Die Natur des polnischen Arendel ist nicht wirklich norwegisch, aber die Besitzer sind sehr bemüht, eine passende Atmosphäre zu erschaffen.
– Die Scheunen aus Holz, Häuschen und die Architektur unterscheiden sich kaum von der norwegischen Bebauung. Unsere Straßen heißen auf Norwegisch, wir haben Rentiere, Fjord- und Shetlandponys… Und leider auch viel mildere Winter, deswegen besucht uns der Weihnachtsmann nur einmal im Jahr – lacht Agata.

Das Leben
Was ist die größte Attraktion in Arendel? Die Besitzer antworten ohne zu zögern: Ruhe, Stille und Natur, die hier eigentlich überall zu finden ist, liegt jederzeit auf Hand.
– Hier gibt es keine Eile. Das Leben fließt ohne Hektik und Handylärm. Ein Fernseher steht nur im Aufenthaltsraum, den wir in der Scheune eingerichtet haben. Das ist der einzige Ort für das gesellschaftliche Leben, hier treffen sich unsere Gäste abends bei einer Tasse Kaffee. Hier redet jeder mit jedem, ohne Rücksicht auf den Bildungsstand oder das Alter. Ähnlich, wie das in Norwegen üblich ist.
– Als Snack servieren wir den original norwegischen Brunost – fügt Agata hinzu und stellt auf den Tisch die berühmte Wikinger-Delikatesse.
Brunost ist ein brauner Käse aus Molke. Er ist süßlich, schmeckt leicht nach Karamell und erinnert mich ein wenig an polnische Muh-Muh-Bonbons. Die Norweger essen den Käse auf Brot mit Erdbeermarmelade. Arendel ist vielleicht der einzige Ort in ganz Polen, wo man den originellen Brunost-Käse in vielen Variationen probieren kann.

Das Geschäft
Arendel ist im Prinzip ein touristischer Bauernhof. Hier kann man kleine Häuschen mieten. Hier finden Veranstaltungen für Firmen, Kinder und Jugendliche statt. Familien können hier ihre Ferientage einfach genießen. Das Dorf nimmt 5 Hektar Fläche auf und grenzt an einen Wald. In der Nähe finden man das Warthe-Tal, das Kloster in Lad, Schloss Ciążen, Schloss Pyzdry… Zum Schluss frage ich, ob Gäste die Gegend gerne erkunden.
– Ja natürlich, aber nicht alle genauso gern…
– Andere Ziele? – ich lese in den Gedanken der Besitzer.
– Ja, natürlich. Sie kommen hierher, um vor Hektik und Zivilisation zu fliehen. Auf der Suche nach Ruhe, um einfach gar nichts zu tun – verrät der Gastgeber.

Marzena Zbierska