Über Roma-Bräuche, musikalische Scherze während der Konzerte und das Phänomen der Zigeunermusik unterhält sich Janusz Czachor mit Miklosz Deki Czureja, dem Geigenvirtuosen

 

Du bist Czardas – König genannt. Jeder, der deine Musik kennt und in deine Konzerte kommt, weißt davon. Aber nur wenige wissen, wem du diesen Titel verdankst. Erzähle mal, wie du König geworden bist?
Das ist sehr spontan passiert, ich habe nichts geplant und war selbst ein bisschen überrascht. Während des Konzerts in München, das in Rahmen des Zigeunermusikfestivals stattgefunden hat, habe ich das Czardas von Vittorio Monti gespielt. Als ich spielte, rief auf einmal Sir Yehudi Menuchin, der amerikanische Violinvirtuose und Dirigent: das ist der Czardas-König. Und das ist bis heute so geblieben. Czardas ist eine Musik, die Zigeuner übernommen, popularisiert und ihr ihre eigene Seele eingehaucht haben. Ich denke, dass niemand Czardas so spielen kann wie ein Zigeuner. Ich kannte diese Musik, denn mein Vater hat mir sie vorgespielt und sie mir überliefert.

Aber den Titel Czardas-König hast du von deinem Vater nicht geerbt, sondern verdankst deinem Talent…
Nicht nur dem Talent, denke ich, sondern dem ständigen Verbessern des Geigenspiels. Ich lerne stets.

Wie hat es mit deiner Karriere auf der Bühne begonnen?
Ich kam in die Zigeunergesangs- und Tanzgruppe Roma in Poznań. Das war anfänglich eine perfekte Gruppe. Sie machte reine Zigeunermusik mit Zigeunertechnik. Aber wir haben uns voneinander getrennt, weil die Gruppe nach 1978 ihr Repertoire und ihren Stil geändert hat. Dabei wollte ich nicht mitmachen. Ich hatte den Wunsch, dass Leute die Musik der Roma kennen lernen, und das, was übrig geblieben ist, war auf Zigeuner-Disco-Polo gerichtet und mit bunten Zigeunerkostüme geschmückt. Das sind ein guter Marketing und eine gute Geschäftsidee, aber keine Zigeunerkultur. Ich habe eine eigene Gruppe gegründet und bin der Roma – Musik treu.

Zu deinen musikalischen Errungenschaften gehören Konzerte mit vielen Stars der Musikwelt. Wen achtest du am meisten?
Turto Rica war der beste Zymbalspieler. Andere hervorragende Musiker sind Michał Urbaniak, Sanda Ferync, Sándor Deki Lakatos und sein Sohn… Mit Lakatos ist eine Geschichte verbunden. Einmal habe ich ihn gefragt: warum Deki? Er erzählte, dass er mal zusammen mit dem Onkel Sándor Lakatos wohnte und sie waren immer verwechselt, wenn sie Post oder Pakete bekamen, deshalb hat er seinem Namen den Zusatz Deki, d.h. Junior, hinzugefügt, um nicht mehr verwechselt zu werden.

Bei dir war es ähnlich?
Ja. Als ich aus den USA zurückgekommen war, wurde in Polen ein Film gedreht, in dem ich spielen sollte. Alles war vereinbart, wir haben Probefilm gedreht usw. Letztendlich, am Drehtag ist ein Taxi gekommen und hat statt meiner meinen Vater mitgenommen. Alle waren erstaunt, es sollte ein schlanker, schöner und junger Mann kommen, stattdessen hatten sie einen dickeren und kleineren. Mein Vater hat den Irrtum nicht aufgeklärt, dass ich es sein sollte und weil er auch Geige spielte, so wurde er genommen. Als ich ins Studio kam, war es schon zu spät und habe meinem Vater diesen Job gelassen. Ich habe dann selbst Sándor Lakatos gefragt, ob ich auch den Zusatz Deki verwenden darf. Und er war damit einverstanden.

Du komponierst, arrangierst, improvisierst. Akkorde, Aufschreiben, Noten … All dies dient einem Musiker als Richtschnur, solches Wissen verlangt aber eine gründliche Ausbildung. Wie sah dein Ausbildungsweg aus? Wie ist es mit der Talentenentwicklung bei Roma?
In Polen ist es so, dass man nach jungen Talenten sucht. Ein sechs-, siebenjähriges Kind beginnt mit seiner Ausbildung in einer Musikschule. Es weiß nichts, kann die Geige nicht halten… Das Lernen von Grund auf dauert so etwa ein halbes Jahr. Die Lehrer unterrichten so wie das System sagt, sie realisieren das Lernprogramm. Bei Roma dauert die erste Lernetappe zwei sprichwörtliche Tage. Diejenigen, die möchten, dass ihre Kinder spielen können, suchen eine Persönlichkeit unter bekannten Roma und schicken ihre Kinder zu ihm zum Unterricht. Mein Vater war 5 Jahre alt, als er zu einem Geigenspieler in die Lehre gegeben wurde. Schon nach einem halben Jahr spielte er fast alle Strauss-Walzer und andere klassische Werke. Erst danach lernte er Noten kennen. Er war sehr talentiert und hatte ein absolutes Gehör. Fünf Jahre in der polnischen Schule entsprechen 9 Monaten Lehre bei Roma. Natürlich meine ich hierzu ein außerschulisches Ausbildungssystem. Ich besuchte auch eine Musikschule in Nowy Targ und absolvierte dann das Prager Musikkonservatorium.

Ich bin mir darüber im Klaren, wenn jemand in einer Roma-Familie ein Instrument spielen lernt, unterstützt ihn die Familie dabei…
Wenn ein Kind Geigen- oder Zymbalspieler werden soll, kümmert sich die ganze Familie darum, dass sich das Kind nur mit dem Lernen beschäftigt. Es gibt jedoch keinen Zwang dazu, alles hängt vom Willen ab. Roma-Familien sind sehr musikalisch, aber unter ihnen herrscht auch ein gewisser Wettbewerb. Wenn einer von Brüdern nicht spielen kann, lachen alle über ihn. Sogar in der Familie will jeder die anderen übertreffen, jeder will besser als der andere sein. Das motiviert, die Fähigkeiten zu erhöhen, aber natürlich die Familie spielt auch zusammen, und dann passieren auch Scherzen.

Zum Beispiel?
Einmal spielte ich Konzert auf der Bühne und plötzlich haben Zymbalspieler und Kontrabassist meine Noten ausgetauscht. Ich wurde dumm, wusste nicht, worum es ging, weil das, was ich spielen wollte, passte überhaupt nicht. Ich drehte mich zu ihnen um und sie lachten. Und das lehrt. Das lehrt, der Zigeunermusik zu lauschen und sie zu fühlen. Bei der klassischen Musik ist es ganz anders. Hier muss man alles genau wiedergeben, es gibt keinen Platz für irgendwelche Änderung. In der Musikschule habe ich klassische Musik gelernt, ich spiele sie, aber ich liebe Zigeunermusik.

Während deiner Konzerte nutzt du verschiedene Themen, Fragmente sehr schwieriger Virtuosen-Werke der Klassik, auch der Volks-, Goralen- oder Jazzmusik. Warum?
Das sind musikalische Scherze; Zitate aus klassischen Werken verbinden den Geist der Zigeunermusik mit der Musik im Allgemeinen. Manchmal ist das ein Zugeständnis an die Zuhörer, z.B. beim Czardas spiele ich ein kleines Fragment der Goralen-Musik, wenn ich ein solches Publikum habe. Ich habe vom Vater gelernt, auf zigeunerische Weise zu spielen, er hat mir diesen Geist übergeben. Als ich Schule besuchte und einige Jahre klassische Musik spielte, vergaß ich die Musik der Roma. Ich entwickelte mich in Richtung Klassik und dachte dabei, dass dies meine Zukunft ist, dass ich so spielen und davon leben werde. Jetzt versuche ich alles zusammen zu verbinden.

Familienkonzerte sind fast eine Roma-Tradition. Deine Kinder spielen auch. Habt ihr oft die Gelegenheit, zusammen zu konzertieren?
Ja. Sehr oft geben wir Konzerte zusammen, aber meine Kinder haben ihre eigene, Musikerträge. Meine Tochter Sara ist Zymbalspielerin. Sie bekommt Preise, Lobe, sie konzertiert in Philharmonien.

Erst seit vor kurzem hast du dich vom Streichinstrumentenbau anstecken lassen. Wie hat das alles angefangen?
Einmal habe ich eine Geschichte über einen Zigeuner gehört, der in Oświęcim (Auschwitz) eine Geige ohne Fachwerkzeuge gebastelt hat. Eine außergewöhnliche Geschichte. So habe ich es auch versucht. Jetzt habe ich eigenhändig gemachte Geige, die vielleicht nicht so perfekt ist, aber damit lässt sich spielen.

Die Roma haben indische Wurzeln, wohnen sie seit über 1000 Jahren in Polen. Ihr habt viele Wanderjahre hinter euch. Wie hat das die Zigeunermusik beeinflusst?
Diese Wanderung bedeutet zahlreiche Länder, Menschen, Kulturen. Wir haben gerade daraus geschöpft. Dies hört man in der echten Zigeunermusik, sieht man in Zigeunerkostümen. In der Zigeunermusik lassen sich deutsche, russische, ungarische, französische Inspirationen hören… Liszt, Brahms, Strauss waren Roma. Heute kann man sagen, dass das Zentrum der Roma-Musik Ungarn ist. Dort entwickelt sich diese Musik immer noch.

Außer dem Titel Czardas-König wurdest du noch mit vielen Auszeichnungen geehrt. Mit welchen und wofür?
Ich habe den Bruder-Albert-Orden, Goldenes Verdienstkreuz, den Titel Ehrenbürger der Stadt Poznań erhalten. Alle sind für mich wichtig. Sie sind für Verbreitung der Roma-Kultur und für Roma-Maßnahmen. Wir haben eine Stiftung gegründet, eine Musikschule eröffnet. Wir möchten, dass sich die zeitgenössischen Roma auch als Polen fühlen können.

Und ist dies nicht der Fall?
Nicht ganz. Wenn ein Zigeuner etwas gestohlen hat, wird darüber in allen Medien berichtet. Wenn ich ein gutes Konzert gebe, herrscht es Stille. Man sagt über mich: dieser Rom, und ich bin seit einigen Generationen Pole. Stereotypen bestehen immer noch und das schmerzt. Zigeuner sind keine Diebe, es gibt nur unter ihnen, wie überall, Leute mit solcher Neigung. Leider stoßen wir immer noch auf solche Ansichten und soziale Ausgrenzung.

Aber du hast dein Publikum in vielen Orten in der Welt, auch in Polen. In deine Konzerte kommen Fans der Zigeunermusik und nicht nur, weil Musikeindrücke alle zufrieden stellen. Worin steckt dieses Phänomen?
Die Zigeunermusik bilden Jahrhunderte der Tradition, das ist etwas Interessantes. Ich bin keine Fälschung, keine Imitation. Jedes Stück ist mit mir erfüllt, in jedem Stück steckt die Geschichte meines Volkes und derjenigen, von denen Roma Inspirationen geschöpft haben. Das ist alleinig, das kommt aus dem Herzen, aus der Seele hervor und ohne Playback. Hier gibt es keinen Platz für Kommerz, das ist einfach eine gute Musik in der virtuosen Ausführung.

Miklosz Deki Czureja – Geigenvirtuose, Gründer des Europäischen Zigeunerorchester, Animateur der Roma-Kultur. Lesenswert ist seine Autobiografie ,,Potępienie Miklosza, czyli tajemnice króla Czardasza“ (polnisch: Miklosz‘ Verdammnis, die Geheimnisse des Czardas-Königs). Und absolut hörenswert ist seine Musik.