Dr. hab. Hanna Mamzer, Soziologin und Psychologin, Professorin der Adam-Mickiewicz-Universität in Poznań spricht im Dialog mit Marzena Zbierska über Vorteile des Lebens in einer multikulturellen Gesellschaft und über den Aufbau einer guten Kommunikation zwischen Menschen verschiedener Nationen

 

 

Wir sind an die Präsenz der Ausländer in Großstädten gewöhnt, es scheint jedoch, dass für kleine Städte – wie Września – der Multikulturalismus ein relativ neues Phänomen ist. Stimmt das wirklich?
Nicht ganz. Es ist bekannt, dass der Multikulturalismus in Großstädten viel gegenwärtiger ist. Die Menschen aus verschiedensten Teilen der Welt kommen lieber in Großstädte – sie suchen nach der Arbeit, machen Besichtigungstouren usw. In Kleinstädten gibt es weniger Ausländer, dennoch waren sie immer da. Hierzu muss an das 17.Jh. und 18.Jh. erinnert werden. Damals wurde Polen als ein sehr liberales und tolerantes Land angesehen. Viele Menschen verschiedener Kulturen siedelten in Polen. In unserem Land fanden sie ihren Platz zum Leben. Im Landkreis Września gab es Holländereien. Hier lebten auch Juden und andere Nationen. Der Multikulturalismus war immer präsent, hatte aber ein anderes Gesicht.

Wenn der Multikulturalismus keine Neuheit ist, hat sich vielleicht nur unsere Wahrnehmung des Phänomens verändert?
Das stimmt. Heute nehmen wir ihn einfach anders wahr. Der Multikulturalismus begleitet Menschen seit Urzeiten. Im Laufe der Zeit aber hat sich sein Charakter verändert. Früher ließ sich der Kontakt zu anderen Kulturen mit wirtschaftlichen Interessen oder mit dem Handel (der durch Handelsreisen auf der Seiden- oder Bernsteinstraße betrieben wurde), oder mit Expansionsabsichten (um attraktive, bodenschatzreiche Gebiete zu besetzen) begründen. Unter diesen Umständen kam es zum Kontakt zu anderen Kulturen. Die Kontakte waren jedoch sporadisch und betrafen wenige Menschen. Heute liegen dem Multikulturalismus nicht nur Wirtschaft und internationaler Handel zugrunde. Im heutigen Multikulturalismus suchen Menschen auch nach ihrer eigenen Identität, möchten neue Teile der Welt kennen lernen, Ausbildung machen oder fahren ins Ausland, um sich z.B. zu amüsieren. Das sind neue Erscheinungen, infolge deren der Kontakt zu der kulturellen Vielfalt an Stärke zugenommen hat und zum Alltag wurde. Man könnte sogar sagen, dass der Multikulturalismus trendy ist. Fehlende Sympathie sowie fehlende Akzeptanz für kulturelle Vielfalt sind heute passé.

Die Präsenz der ausländischen Investoren und Ausländer, die bei ihnen beschäftigt sind, ist heute eine wichtige Wachstumsquelle der Stadt. Kann man auch von anderen Vorteilen reden?
Eine soziologische Studie zeigt, dass differenzierte, nicht homogene Umfelder schöpferischer und auch wirtschaftlicher sind. Das Fremdkapital und Investitionen bereichern das Kolorit, was jedoch nicht ohne Schwierigkeiten einhergeht. Kulturelle Unterschiede bewirken, dass es schwieriger ist, miteinander zu kommunizieren. Der Aufbau einer multikulturellen Gesellschaft ist kein schmerzloser Prozess, er ist aber sicherlich wirtschaftlich, schöpferisch und kognitiv, als auch kulturell vorteilhaft. Es sollen nicht nur Vorteile erwähnt werden, die sich in Geld umrechnen lassen. Gegenseitige Beobachtung der Menschen – deren Verhalten, Essgewohnheiten, religiöse Bräuche – bewirken ein besseres Verständnis anderer Kulturen sowie Beseitigung von Stereotypen. Kurzum: durch Kontakte zu Ausländern erfahren wir mehr von der Außenwelt, zugleich aber lernen wir uns selbst kennen. Diese Vorteile sind unermesslich, stellen aber eine Art des kulturellen Kapitals dar. Der Multikulturalismus stellt nicht nur wirtschaftliche, sondern auch kulturelle und kognitive Werte dar.

Wird in diesem Zusammenhang kulinarische Vielfalt der lokalen Gesellschaft zum Verbündeten bei der Förderung unserer polnischen Tradition, in diesem Fall kulinarischer Tradition? Mit anderen Worten: kann der Multikulturalismus der Kleinstädte für sie eine Chance sein, eigene Identität zu unterstreichen?
Paradoxerweise ja. Wir als Polen richten uns einerseits nach Bedürfnissen der Ausländer: Lokale Unternehmen bieten Produkte und Leistungen an, die von ihnen gesucht werden. Wir beginnen, Fremdsprachen zu sprechen, um uns mit ihnen verständigen zu können. Vergessen wir aber dabei nicht, dass die Ausländer nach Polen nicht nur beruflich kommen. Sie möchten auch unsere Kultur und Sitten kennen lernen. Sie möchten wissen, wer wir sind, wie wir uns verhalten, und möchten auch polnische Küche erkunden. Kulinarische Gewohnheiten spielen sicherlich eine bedeutende Rolle beim gegenseitigen Kennenlernen. Dies funktioniert in beide Richtungen, es erlaubt, eigene Identität zu verstärken und sich für Unterschiede der Anderen zu öffnen.

Sind wir, Polen, Deutsche, Inder, Spanier als Einwohner einer Stadt, in der Lage, uns einander zu helfen, den Integrations-, Kommunikationsprozess usw. trotz der Unterschiede zu erleichtern?
An dieser Stelle berühren wir nicht nur die Frage ethnischer Unterschiede, sondern auch der menschlichen Vielfalt. In multikulturellen Gesellschaften ist eine effiziente Kommunikation zwischen den Menschen nur dann möglich, wenn sie von Offenheit und Freundlichkeit begleitet wird. Indem die Haltung angenommen wird, dass wir alle Menschen sind und uns nur ein bisschen voneinander unterscheiden, weil wir andere Werte und andere Sitten haben usw., werden zwischenmenschliche Kontakte bestimmt erleichtert.

Was soll man tun, damit Menschen, die für ein paar Monate oder ein paar Jahre in ein fremdes, unbekanntes Land kommen, kulturelle Unterschiede nicht so stark empfinden?
Am Anfang ist es wichtig zu verstehen, dass sowohl Einheimische als auch Ausländer dem sog. Kulturschock verfallen. Für Menschen, die mit einer neuen Kultur zusammentreffen, sind manche Handlungsweisen total unklar, sie sind oft nicht in der Lage, mit der neuen Umgebung zurechtzukommen. Sogar eine kleine Panne, z.B. Ausfall der Elektrik, kann viele Kopfschmerzen bereiten – Ausländer sprechen kein Polnisch, kennen keinen Elektriker, wissen nicht, wo sie anrufen können, was die Reparatur kosten wird und ob der Fachmann ehrlich ist. Sehr behilflich sind interkulturelle Kurse für Ausländer, wo sie lernen, kulturelle Unterschiede zu verstehen und Schwierigkeiten zu bewältigen.

Wo sehen Sie einen gesellschaftlichen Raum für Aktivitäten der Ausländer in Września oder in Poznań?
Bei der Antwort auf diese Frage sollte Bezug auf Einzelpersonen genommen werden. Man muss prüfen, was für Fähigkeiten sie haben, wofür sie sich interessieren, was sie mögen. Ich denke, dass jede Gesellschaft sehr viel anbieten kann. Die Ausländer können z.B. Kindergärten, Schulen aufsuchen und dort über ihre Kultur erzählen. Sie können mit Senioren und Berufstätigen zusammenarbeiten. Sehr viel kann man auf der Grundlage der Interessen lernen, die uns verbinden. Wenn ich gern koche und jemand, der zu uns kommt, das auch gerne macht, dann können wir voneinander lernen, z.B. wie man seine lokalen Gerichte zubereitet. Der Austausch von Erfahrungen sollte auf der Grundlage gemeinsamer Leidenschaften erfolgen.

Dann treten Barrieren – z.B. Sprachbarrieren – in den Hintergrund und fördern die Motivation, sie zu bewältigen…
Ja, gemeinsame Interessen bilden eine gute Basis, kleine Gemeinschaften aufzubauen. Ausländer können mit ihrer Kultur in alle Bereiche unseres Lebens eingreifen und uns ihre Werte anbieten. Beispiel: die Einwohner von Dänemark oder Holland könnten für uns zu Experten zur Förderung des Radsports werden und uns das Wissen darum vermitteln. Nutzen wir, Polen, diese Möglichkeit? Das hängt nur von uns selbst ab.

Hanna Mamzer, Soziologin, Psychologin, führt Kurse im Bereich kultureller Unterschiede durch (mamzer.pl)

Fot. Piotr Robakowski